Der AGV: Ein Geschichtsverein mit langer Geschichte

Seit Anfang des 19. Jh. nahmen die Bestrebungen zur Aufarbeitung der eigenen Geschichte in lokalen und regionalen Geschichtsvereinen zu. Aachen stand hierbei Bonn, Köln und Geldern etwas nach. Immerhin wurde bereits 1835 eine „Gesellschaft für nützliche Wissenschaften und Gewerbe“ gegründet, die bis 1853 bestand. 1847 auch der „Karlsverein“, der sich vor allem dem Aachener Münster und damit nur mittelbar der Aachener Stadtgeschichte annahm und -nimmt. In den 1860er-Jahren entstand der „Archäologische Verein“, der sich unter anderem mit geschichtlichen Themen befasste – auch er löste sich jedoch bald wieder auf. Ein eigenes geschichtliches Organ fehlte in Aachen noch, sodass Forschungsergebnisse zur Aachener Geschichte nur andernorts, etwa in den „Annalen“ des Historischen Vereins für den Niederrhein“ oder in den „Bonner Jahrbüchern“, veröffentlicht werden konnten.

Erst gegen Ende der 1870er-Jahre sollte sich diese Situation ändern. Mit Unterstützung des Aachener Regierungspräsidenten Otto Franz Theodor Hoffmann (1833–1905) und des Aachener Oberbürgermeisters Ludwig von Weise (1828–1915) fanden sich zweiundzwanzig Interessierte unter Führung von Prof. Dr. Martin Joseph Savelsberg (1814–1879) zusammen, die am 20. März 1879 einen Aufruf an die Bürgerschaft zur Gründung des „Aachener Geschichtsvereins“ richteten. Am 27. Mai 1879 fand die konstituierende Sitzung statt. Die Reaktion der Aachener Bevölkerung auf den Aufruf war erfreulich: Bereits im selben Jahr zählte der Verein 764 Mitglieder, die nicht nur aus der Stadt, sondern auch aus dem gesamten Regierungsbezirk Aachen kamen. Letztere trugen die Begeisterung weiter und bildeten andernorts diverse eigenständige Geschichtsvereine.

Zum ersten Vereinspräsidenten wurde Alfred von Reumont (1808–1887) gewählt. Er war Dr. jur. und Dr. phil., preußischer Legationsrat, Wirklicher Geheimer Rat, und seit 1883 auch Ehrenbürger seiner Heimatstadt Aachen. Herausragend ist seine 1866/67 erschienene vierbändige „Geschichte der Stadt Rom“. Ihm folgte in den Jahren 1885–1907 der Geheime Justizrat Dr. Hugo Loersch (1840–1907), ordentlicher Professor der Rechte an der Rheinischen Friedrich-Wilhelm-Universität zu Bonn, Syndikus der Krone Preußen und ab 1891 auch Geheimer Justizrat und Mitglied des preußischen Herrenhauses. Dritter Vorsitzender war 1907–1910 der Geheime Oberjustizrat Ludwig Schmitz (1845–1917), Präsident des Landgerichts Aachen, früheres Mitglied des preußischen Abgeordnetenhauses. Zwischenzeitlich hatte sich im Jahr 1885 – wegen Differenzen über die Linie der „Zeitschrift des Aachener Geschichtsvereins“ und der wissenschaftlichen Vorträge – der „Verein für Kunde der Aachener Vorzeit“ neben dem Geschichtsverein neu gebildet, der mit „Aus Aachens Vorzeit“ sogar eine eigene Zeitschrift publizierte. 1907 schlossen sich beide Vereine unter dem alten Namen wieder zusammen. Im gleichen Jahr überschritt die Mitgliederzahl des AGV die 1000er-Marke.

Wie durch den gleichgeschalteten „Gesamtverein der Deutschen Geschichtsvereine“ reichsweit vorgegeben, galt auch für den AGV ab 1933 das nationalsozialistische Führerprinzip, das durch die Mitgliederversammlung vom 24. November 1933 offiziell eingeführt wurde; zudem wurde die Satzung um einen Arierparagraphen ergänzt. Eine Reihe von Vorstandsmitgliedern trat daraufhin zurück. 1934 wurde Prof. Dr. Albert Huyskens (1879–1956) zum „Vereinsführer“ berufen. In der genannten Mitgliederversammlung hatte er bereits einen programmatischen Vortrag über die neuen „Aufgaben des Geschichtsvereins auf der Grundlage des Nationalsozialismus“ gehalten:  Diese müssten einerseits im Sinne einer geschichtlichen Breitenarbeit im Volke die politische Bedeutung der deutschen Geschichte vermitteln, andererseits dürfe dabei nicht der bewährte Weg quellenkritischer Forschung verlassen werden. Der AGV hielt so in seiner Arbeit am wissenschaftlichen Charakter wie auch an den klassischen Themen fest, mit der politischen Opportunität nahm man es nicht zu genau – etwa bei der Publikation der Dissertation Philomene Beckers (1909–2003), die nach dem damaligen Verständnis eine „Vierteljüdin“ war. Entsprechend gestaltete sich das Verhältnis des Geschichtsvereins zu den örtlichen Machthabern der Partei. Der Kriegsausbruch tat sein Übriges: Die Vereinszeitschrift konnte nicht mehr erscheinen und ab Oktober 1943 waren öffentliche Vereinsveranstaltungen unmöglich.

Nach dem Kriegsende nahm Dr. Heinrich Schiffers (1894–1955), Direktor des Aachener Diözesanarchivs, das Amt des Vorsitzenden bis 1948 provisorisch wahr. Albert Huyskens war als städtischer Beamter zunächst suspendiert worden, erreichte aber 1948 seine Entlastung und wurde erneut zum Vorsitzenden des Geschichtsvereins gewählt. Im Anblick der Zerstörung wurden die Archäologie und die neuere und neueste Geschichte in wachsendem Maße zum Schwerpunkt der Vereinsarbeit.

Literatur zur Vereinsgeschichte

  • Heinrich SAVELSBERG, 50 Jahre Aachener Geschichtsverein 1879-1929, in: ZAGV 50, 1928, S. V-XLV. [PDF Download]
  • Herbert LEPPER, Der Aachener Geschichtsverein 1929-1979, ZAGV 86/87, 1979/80, S. 1-115. [PDF Download]
  • Herbert LEPPER, Der „Aachener Geschichtsverein“ 1933-1944, in: ZAGV 101, 1997/98, S. 267-302. [PDF Download]

Ehemalige Vorsitzende

1879 – 1885 Dr. jur et phil. Alfred von ReumontQuelle: ZAGV 50, 1928.
1885 – 1907Prof. Dr. jur. Hugo LoerschQuelle: ZAGV 50, 1928.
1907 – 1910Ludwig SchmitzQuelle: ZAGV 50, 1928.
1910 – 1918Dr. Martin ScheinsQuelle: ZAGV 50, 1928.
1918 – 1934Prof. Dr. Heinrich SavelsbergQuelle: ZAGV 50, 1928.
1934 – 1945, 1948 – 1955Prof. Dr. Albert HuyskensQuelle: ZAGV 69, 1957.
1945 – 1948Dr. Heinrich Schiffers (prov. Vorstand)
1955 – 1962Dr. Felix KuetgensQuelle: ZAGV 80, 1970.
1962 – 1972Dr. Bernhard PollQuelle: ZAGV 84/85, 1977/78.
1972 – 1984Prof. Dr. ing. e.h. Erich Stephany
1984 – 1995Dr. Herbert LepperQuelle: ZAGV 102, 1999/2000.
1995 – 1996Dr. Willy Frentz
1996 – 2014Dr. Thomas R. KrausQuelle: ZAGV 121/122, 2019/2020.
2014 – 2024Prof. Dr. Harald MüllerQuelle: Werner Maleczek
seit 2024Werner Dahlhausen